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Susan Claussen, die Regisseurin der Dreigroschenoper, macht deutlich, wie sie in ihrer Rolle verstanden werden will: als eine, die Vorschläge macht, und eine, die offen ist für Anregungen aus dem Schauspielerensemble der Meldorfer Theatergruppe. Als ich dazukomme, zur zweiten Probe in der Kulisse, fällt dieser Satz.
Es wird gerade Grundsätzliches zur Demonstration der Bettler am Anfang des dritten Aktes besprochen und debattiert, das Wort „Antiglobalisierer" macht die Runde, man wird verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. Später erlebe ich noch Kai Wengoborski, der als Moritatensänger die Mackie Messer Ballade vorträgt und vom Pianisten Sebastian Günther ermahnt wird, die Vokale schön zu dehnen: „Uund deer Haiifiiisch, deer hat Zäähnee..."
Am Vortag, bei der Probe des ersten und zweiten Aktes, darf ich zum ersten Mal zuhören und Fotos schießen. Etliche Aufführungen der Meldorfer Theatergruppe habe ich gesehen, aber nie zuvor musste so viel gesungen werden, und mit Spannung und ehrlicherweise einer Portion Skepsis sitze ich auf meinem Stuhl. Was Polly Peachum alias Maike Busch (Schülerin der Gelehrtenschule) dann aber anlässlich ihrer Hochzeit mit Maceath zum Besten gibt, das Lied der „Seeräuber-Jenny", reißt mich schier vom Sitz, ein Sopran mit einer Klangfarbe, die Naivität und Raffinesse intuitiv so perfekt verbindet, wie eine Profisängerin es schwerlich hin bekäme. Aber auch Christoph Boger als Maceath, im wahren Leben Leadsänger der Gruppe „Grenzgebeat", meistert zusammen mit „Tiger-Brown" Peter von Drathen den „Kanonensong" mit stimmgewaltiger Emphase. Sebastian Günther hat in der Vorbereitung mit den Sängern ganze Arbeit geleistet. Überhaupt ist die ganze Truppe schauspielerisch aufeinander eingespielt, die Aufgabenteilung funktioniert reibungslos.
Die Theatergruppe blickt ja auf eine lange Geschichte zurück. Bereits 1982 von „SPD-Frauen" ins Leben gerufen, hat sie anfangs Sketche, später Einakter wie „Der Hund im Hirn" von Kurt Goetz auf die Bühne gebracht. Susan Claussen, die im Wechsel mit Annelie Anhut (je nach Genre) Regie führt, kam 1986 dazu und hat mit „In Sachen Adam und Eva" des DDR-Autors Rudi Strahl damals das erste abendfüllende Stück inszeniert. Dem folgten bis heute über 70 Produktionen, die seit 1992 auf der Bühne der Dithmarsia geprobt und aufgeführt werden können.
Die Dreigroschenoper zu inszenieren, wünscht sich Susan Claussen schon länger, erst nach den ermutigenden Gesangseinlagen in dem Musical „Der Zauberer von Oz" hat sich die Gruppe nun herangewagt. Sicher hat Brecht in anderen Stücken stärkere Dialoge geschrieben, hat sich ja auch an John Gays „Bettleroper" angelehnt, sagt die Regisseurin, aber hier laufen alle Dialoge dramaturgisch auf die Songs, die Musik zu, und dabei sind die menschlichen Schwächen, die Bertolt Brecht darstellt, das zeitlos aktuelle Element, weswegen er uns immer noch und immer wieder unmittelbar anspricht. Die Idee, ein nacktes Podest auf die Bühne zu bringen, ist ihr so zugeflogen, das Ärmliche des Bettlermilieus kann u.a. damit assoziiert, die Darstellungsebenen können variiert werden.
Die Schnapsidee, das Betteln gewerbsmäßig als Geschäftsmodell zu betreiben (kommt mir selbst noch in den Sinn, während ich Jonathan Peachum, hier dargestellt von Axel Staudte, zuschaue), erinnert doch auch sehr an die Absurditäten unserer gegenwärtigen „Krise", aber da wird ja jeder Zuschauer, der die Aufführung der Theatergruppe erleben wird, seine eigenen Aha-Erlebnisse haben. Ich bin nach diesem kleinen Vorgeschmack jedenfalls schon extrem neugierig auf das Ergebnis dieser langen, harten und intensiven Proben, wenn alle diese Ideen und das gesammelte Talent der Mitwirkenden sich verbinden werden und diese Inszenierung bei der Premiere das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird.
Als ich einige Tage später einem Freund begeistert von der Theaterarbeit dieser verschworenen Truppe und ihrer Regisseurin berichte, fällt ihm spontan ein Brecht-Gedicht ein, das ich auch gut kenne. Der Dichter konnte sich auf seinem Grabstein einen Spruch vorstellen, den Susan Claussen und alle Beteiligten wohl verinnerlicht haben, oder ist es doch Brechts Geist in Person, der da den Raum der Ditmarsia durchwehte:
Er hat Vorschläge gemacht.
Wir haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.
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