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| Kritischer Blick zur Bühne: "Unter
dem Milchwald" |
| Besprechung einer Aufführung der meldorfer theatergruppe
am 06.10.1999 |
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Es gibt
Bühnen im Verband, die nicht bitterböse Leserbriefe an die
Redaktion dieses Blattes, sondern die direkt an den Kritiker schreiben.
Nicht um sich über eine Kritik zu beklagen, sondern um ihn einzuladen
ihre nächste Produktion kritisch zu betrachten.
Es sei ein Experiment, was man da gewagt habe, denn "Unter dem
Milchwald" von Dylan Thomas sei eigentlich ein für den Rundfunk
geschriebenes Hörspiel, das auch in seiner Bühnenfassung
ein "Spiel für Stimmen", fast ohne sichtbare Handlung,
ohne darstellbare Aktion bleibe. Die bisher über die Proben gehörten
Meinungen seien durchaus geteilt und man würde sich deshalb freuen
auch meine zu hören.
Ich wusste nicht gleich, worauf ich mich da einlassen würde,
aber auf eine Bühne, die sich einen Kritiker selbst einlädt,
wollte ich mich trotz massiver Terminschwierigkeiten unbedingt einlassen.
Die "Ditmarsia" ist eine sehr komfortable Spielstätte,
um die man die "meldorfer theatergruppe" sicher vielerorts
beneiden wird.
Zu einer Seite der Vorbühne deutet ein stilvoll altes Klavier
mit einigen Bierfläschen, einer Leuchte, Hosenträgern und
anderem Hausrat darauf Wohnzimmerathmosphäre an, die andere Seite
symbolisiert mit Boot und Netzen und Arbeitsböcken den Hafen.
Diese Orte des Kernthemas, der kleinbürgerlichen Welt einer walisischen
Kleinstadt, verbindet ein sich wie ein pralles Segel geheimnisvoll
in den Zuschauerraum blähender, silbern glänzender Bühnenvorhang.
Das Saallicht wird eingezogen, der silberne Vorhang senkt sich, die
Farbe wechselnd, als schwarze dunkle Nacht über die bis auf einige
Podeste leere Bühne. Das Vorspiel macht die verworrenen Träume
der Karikaturnah gezeichneten Stadtbewohner hörbar. Aspasia POHLMEYER
und Axel STAUDTE als zwei anonyme Erzähler mit rein epischer
Funktion vermitteln zwischen dem hörenden Zuschauer und dem achtundsechzig
Figuren beschreibenden Text, führen die zahlreichen Personen
ein und verbinden die gedanklich verknüpften Dialoge in phonetisch
sehr klarer, poetisch-lyrischer Sprache.
Es ist ein Spiel für Stimmen. Die von den Erzählern geschilderten
Personen sind im Dunkel der Nacht nicht zu sehen. Eine Hand taucht
im Licht auf, pflückt die Blume, wie es der Sprecher gerade in
langer Adjektivreihung und rein auf Klang beruhendem Wortspiel berichtet,
verschwindet wieder im Dunkel, andere Personen tauchen ins gut geführte
Lich (Uwe PETERS), bewegen sich in ausgezeichnet exakter Choreographie
zu den kühnen Formulierungen und der oft sehr persönlichen
und assoziativen Bildwelt der poetischen Sprache des Autors, sind
unmittelbar darauf nicht mehr zu sehen. Das Spiel zeigt Dylan Thomas'
große Vertrautheit mit den technischen Möglichkeiten des
Hörfunks, für den es als Hörspiel geschrieben wurde,
es zeigt aber auch das Einführungsvermögen der ausgezeichneten
Regisseurin Susan CLAUSSEN, die den Höreindruck in der Bühnenfassung
nicht verloren gehen ließ. Mit welcher Präzision sich jede
Figur auf den Akzent des Stichworts aus dem Schwarz der Nacht schält,
seinen Halbsatz in des Erzählers Rede einfügt und wieder
unsichtbar wird, zeugt von intensiver und unermüdlicher Probenarbeit.
- Mit dem Wenden der Nachtseite des schwarzen, den Boden bedeckenden
Vorhangs zu silbernem Licht endet die grandios in Szene gesetzte Nacht,
der Tag beginnt.
Die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen sonnigen Frühlingstag
im fiktiven Llareggub. Ohne einen dramatischen Plot wird das Alltagsleben
in loser Episodenreihung dargestellt. Eine Beschreibung der Stadt
durch eine den Reiseführerstil sehr lebensecht parodierende Besuchergruppe
leitet zur Schilderung des geschäftigen Morgens über, der
von träger Nachmittagsstimmung abgelöst wird, bis sich schließlich
die Dämmerung über den Ort senkt und die von Liebe und Musik
erfüllte Nacht den Kreislauf des Tages schließt.
Eine phantastische Leistung, mit welcher Präzision die sechzehn
Akteure achtundsechzig Stimmen und Figuren vor dem Zuschauer erstehen
lassen, wie sie in einheitlich schlichtem Kostümen ohne Aussagekraft,
nur durch den Wechsel einer Brille, eines Tuchs, einer Mütze
oder eines Requisits und durch Veränderung ihres Sprachduktus
oder ihrer Körpersprache neue, beeindruckende Charaktere schaffen,
die bei einem weiteren kurzen Auftritt sofort wiederzuerkennen sind.
Begeisternd die choreographische Gestaltung der Bewegungen, die nicht
nur synchron, sondern auch mit dessen Inhalt genau übereinstimmen.
Hervorzuheben die bei einem sichtbaren Hörspiel besonders wichtige
klare, saubere Bühnenaussprache des gesamten Ensembles.
Natürlich fielen mir einige besonders skurrile Figuren besonders
auf, wie der köstliche Briefträger, die wiederkäuende
Kuh, der blinde Kapitän oder der Ruderer, der sein nicht vorhandenes
Boot vorwärts zu bewegen schien, und viele andere, die alle zu
nennen der Umfang des Blattes verbietet. Natürlich sprangen einige
besonders herausragende körpersprachliche und tänzerische
Darstellungen besonders ins Auge. Der Ruhm für diese rundum gute
und beeindruckende Aufführung aber gehört dem gesamten Ensemble
der "meldorfer theatergruppe" und ihrer ausgezeichneten
Regisseurin.
Die lyrische Eigenständigkeit dieses den weltweiten Ruhm des
walisischen Dichters begründeten Werkes mit seiner sehr persönlichen
und oft assoziativen, sich stellenweise der verstehenden Analyse entziehenden
Bildwelt, der mit ungewöhnlichen und verblüffenden Metaphern
überfrachteten poetischen Sprache mit ihren langen Adjektivreihungen,
rein auf Klang beruhenden Wortspielen, mag den Hörer und Zuschauer
manchmal vor Schwierigkeiten mit diesem Text stellen, wie im Foyer
vereinzelt zu hören war.
Über das Experiment aber dies Formexperiment in Szene gesetzt
zu haben, gab es vom Publikum und dem einzelnen kritischen Zuschauer
nur eine übereinstimmende Meinung: Hervorragend gelungen!! Ich
ginge gern noch mal hin!
Gert Krause |
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Blick zur Bühne,
Nr. 57, März 2000 |
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